🔴 Der wichtigste Satz der Welt

Drei Worte auf einer Karte in einer Schublade können eine Welt bedeuten

Geschichte

Jeden Abend hole ich sie heraus und lese die drei Worte.

Die Postkarte, auf der diese Worte stehen, liegt in meiner obersten Schreibtischschublade, zwischen alten Schulheften und Briefen.

Manchmal streiche ich mit dem Finger über die Buchstaben, als könnte ich so die Gefühle spüren, mit denen Thomas sie geschrieben hat. Doch sobald ich unten Schritte auf der Treppe höre, verstecke ich sie hastig. Niemand weiß, dass ich sie aufbewahrt habe.

"Der wichtigste Satz der Welt?" Tim vor mir dreht sich ungläubig um. "Was soll das denn sein?"

Die Kreide quietscht, als Frau Weber diese Worte an die Tafel schreibt. Das Geräusch lässt mich zusammenzucken. Sie dreht sich zur Klasse um, ihre Augen funkeln. "Diese Frage", sagt sie und tippt auf die Worte an der Tafel, "wird euch die nächste Woche beschäftigen."

Ich denke an die Karte, die bei mir zu Hause liegt, verborgen in einer Schublade. Ich weiß genau, welchen Satz ich nehmen würde. Aber ich traue mich nicht. Was werden die anderen sagen? Lisa neben mir spricht schon von Shakespeare und Markus will bei Wikipedia nach berühmten Zitaten suchen.

Die ganze Woche über sehe ich, wie meine Klassenkameraden wichtige Sätze sammeln. Marie hat sogar ihre Mutter, die Bibliothekarin ist, um Hilfe gebeten. Als sie in der Pause ihre Fundstücke vorliest - Einstein, Gandhi, Martin Luther King - wird mein Satz immer kleiner.

Wie kann ich etwas so Persönliches vor der ganzen Klasse vorlesen?

Drei Worte auf einer Postkarte gegen die großen Worte der Geschichte?

Meine Worte haben keine Welt verändert. Nur meine.

Es war der letzte Ferientag nach den Sommerferien, als die Karte im Briefkasten lag. Thomas und Mama waren noch auf Mallorca, ihrer Hochzeitsreise. Ich hatte sie zwischen der normalen Post gefunden, zwischen Rechnungen und Werbung. Adressiert an: "Paula". Nur "Paula", und die Adresse natürlich, sonst nichts.

Drei Monate ist das her. Drei Monate, in denen ich diese Worte wieder und wieder gelesen habe. Drei Monate, in denen ich mich gefragt habe, ob ich sie wirklich glauben darf. Vor der Hochzeit war Thomas immer freundlich gewesen, hatte mir bei den Hausaufgaben geholfen und mich zum Lachen gebracht. Aber würde das so bleiben, jetzt wo er und Mama verheiratet waren? Andere Kinder erzählten manchmal schlimme Geschichten über ihre Stiefväter.

Am Tag der Präsentation sitze ich auf meinem Platz und höre zu, wie einer nach dem anderen nach vorne geht. Lisa hat wirklich Shakespeare gewählt. "Sein oder Nichtsein", trägt sie vor und erklärt, dass dieser Satz die größte Frage des Lebens stelle. Frau Weber nickt anerkennend.

Markus hat einen Satz aus der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung gefunden: "Alle Menschen sind gleich geschaffen." Er spricht von Menschenrechten und Freiheit. Ein paar Kinder gähnen verstohlen, aber ich finde den Satz wirklich gut.

Die Postkarte in meiner Tasche fühlt sich sehr klein an.

"Paula?" Frau Weber sieht mich erwartungsvoll an. "Du bist die Letzte."

Meine Beine sind wie Pudding, als ich aufstehe. Der Weg nach vorne zur Tafel kommt mir endlos vor. Vor drei Tagen habe ich die Karte zum ersten Mal aus der Schublade genommen und in meine Schultasche gesteckt. Seither trage ich sie mit mir herum wie ein Geheimnis, das gleichzeitig schwer und kostbar ist.

"Mein Satz...", beginne ich und meine Stimme zittert. Ich hole die Karte heraus. Sie ist an den Ecken schon ganz abgegriffen. "Mein Satz steht auf dieser Postkarte."

Die Klasse ist still geworden. Sogar Tim hat aufgehört, mit seinem Stuhl zu wippen.

"Es ist...", ich hole tief Luft. "Es ist kein berühmter Satz. Er steht in keinem Buch und hat keine Welt verändert." Meine Finger streichen über das vertraute Papier. "Er ist von Thomas, dem Mann, der letzten Sommer meine Mutter geheiratet hat."

Lisa kichert leise. Aber Frau Weber beugt sich interessiert vor.

"Thomas ist... also, er ist jetzt mein Stiefvater. Aber ich wusste nicht..." Wieder stocke ich. Die Worte auf der Karte verschwimmen vor meinen Augen. "Ich wusste nicht, ob er mich... also, ob er..."

"Lies ihn uns vor", sagt Frau Weber sanft.

Ich nicke. Die Karte zittert in meinen Händen. Ganz unten, unter dem Bericht über Mallorca und dem Strand und das Hotel, stehen die drei Worte, die meine Welt verändert haben:

"Paula, ich liebe dich."

In der Klasse ist es still. Niemand kichert mehr. Als ich aufschaue, sehe ich, dass Frau Weber lächelt. Und zum ersten Mal, seit ich die Karte gefunden habe, bin ich mir ganz sicher:

Es ist wirklich der wichtigste Satz der Welt.

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Hab’ einen gesegneten Tag
Jörg “hast du die drei Worte heute schön gehört?“ Peters