🔴 Die verflixte sechste Stunde

Kein Schiff wird allein durch menschliche Hand geführt

Geschichte

Die Morgensonne glänzt auf dem stahlblauen Meer.

Wir schreiben das Jahr 37 n.Chr., gerade beginnt die sechste Stunde des Tages. Gaius, der junge römische Offizier, steht aufrecht am Steuerrad der Kriegsgaleere. Endlich! Sein erster Einsatz als Kommandant, sein erster eigener Befehl. Nach Jahren des Wartens, Gehorchens und unendlich vielen Lektionen über Demut und Unterordnung.

Die salzige Brise streicht über sein Gesicht wie eine Liebkosung. Er schließt die Augen, genießt jeden Ruderschlag, der das Schiff aus dem Hafen von Cäsarea trägt. Das rhythmische Klatschen der Ruder klingt wie Applaus in seinen Ohren.

Gaius hat es nicht nötig, demütig zu sein. Sein Vater ist Senator in Rom, seine Ausbilder prophezeien ihm eine glänzende Zukunft. Das makellose Hafenmanöver bestätigt, was er schon immer wusste: Er ist zu Höherem bestimmt.

Gleichzeitig, Lichtjahre entfernt und drei Jahrtausende später, sitzt der junge Offizier Jedidiah in der Kommandozentrale des Kampfkreuzers "New Jerusalem". Die Schiffschronometer zeigen 06:00 Standardzeit. Das Summen der gewaltigen Triebwerke vibriert durch seinen Körper wie ein Versprechen von überbordender Macht. Seine Karriere gleicht einem Meteor - strahlend, schnell, unaufhaltsam. Die mahnenden Worte seines letzten Kommandanten über Geduld und Besonnenheit erscheinen ihm wie ferne Echos einer überholten Zeit.

Es ist auch sein erster eigener Befehl. Seine Finger gleiten über die Kontrollen, während das gewaltige Schiff seinem Willen folgt. Die Crew nickt anerkennend. Sie wissen: Dieser junge Commander ist zu Großem bestimmt.

Als der Raumkreuzer den sicheren Hafen des Mutterschiffs verlässt, lehnt sich Jedidiah zufrieden zurück. "Perfekt!", denkt er.

“Biiep! Biiep!”

Das Notfall-Signal der Funkkonsole reißt ihn aus seinen Gedanken. Er fährt zusammen. "Was kann so dringend sein?", denkt Jedidiah, während er den Geschwindigkeitsregler arretiert. Seine Finger zögern einen Herzschlag lang über der Kontrolle, bevor er das Gespräch annimmt.

Im selben Augenblick, aber Lichtjahre entfernt und Jahrtausende früher, schaut Gaius auf den Hafen zurück, während die Galeere Segel setzt und Kurs auf das Mittelmeer nimmt.

Gaius' Eingeweide scheinen sich zu verflüssigen, während sein Verstand sich weigert zu begreifen, was seine Augen sehen. Zeitgleich lässt die vertraute Stimme im Kopfhörer Jedidiahs Blut gefrieren. "Ein beeindruckendes Manöver, Commander," die Stimme des Kapitäns tropft vor eisiger Höflichkeit, "schade nur, dass Sie eine... kleine Kleinigkeit übersehen haben."

Die Pause vor seinen nächsten Worten dehnt sich wie eine Ewigkeit.

"Mich."

Mit weit aufgerissenen Augen starrt Gaius die reglose Gestalt in ihrer Kapitänsuniform an, die auf der Kaimauer steht - unerreichbar fern.

Gaius' Hände umklammern das Steuerrad so fest, dass seine Knöchel weiß hervortreten. Sein Mund ist staubtrocken. Jedidiah spürt ein Kribbeln in seinen erstarrten Fingern, die noch immer über den Kontrollen schweben. Schweiß rinnt ihm den Rücken hinunter. Zwei Herzen hämmern im selben panischen Rhythmus, verbunden durch den gleichen zeitlosen Schrecken.

Die perfekte sechste Stunde wird zur Stunde der Demut.

In Gaius' Kopf hallt das Echo vergessener Lehrstunden wider: "Wir mögen die Segel setzen", hatte sein Ausbilder oft gesagt und zum Himmel geblickt, "aber nur der Kapitän kennt das wahre Ziel." Eine Pause. "Ohne ihn geht es nicht. Niemals!"

Jedidiah verzieht das Gesicht: “Ein Schiff braucht seinen Kapitän wie das Universum seine Gesetze.” Wie oft hatte er bei diesem Satz genervt die Augen verdreht? Er wischt sich den Schweiß von der Stirn.

All die Jahre des Wartens und Gehorchens. All die Warnungen und Anweisungen. Plötzlich erscheinen diese Lektionen in einem anderen Licht.

Gaius' Blick wandert zum leeren Kommandoplatz. Jedidiahs Finger lösen sich vom Steuerungsmodul.

Die Sonne steht hoch über dem Hafen von Cäsarea, als die Galeere wendet. Zwischen den Sternen korrigiert ein Kampfkreuzer seinen Kurs zurück zum Mutterschiff.

Zwei junge Männer.

Zwei Schiffe auf Umkehrkurs.

Eine zeitlose Erkenntnis.

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Hab’ einen gesegneten Tag
Jörg “am besten kein Schritt ohne Kapitän“ Peters