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🔴 Die stumme Predigt
Von einem, der auszog, Menschen zu beeindrucken und dabei von Gott beeindruckt wurde
Geschichte
"Du wirst sie begeistern!"
Die Worte meines Professors klingen mir noch in den Ohren, als ich die Stufen zur Kanzel hinaufsteige. Natürlich werde ich das. Habe ich nicht jahrelang studiert? War ich nicht der Beste im Predigerseminar?
Meine neuen Lederschuhe klacken über den polierten Steinboden der Kirche. Das Tablet unter meinem Arm enthält eine perfekt ausgearbeitete Predigt. Dreißig Stunden Vorbereitung stecken darin. Jedes Wort ist abgewogen, jeder Übergang geschliffen, jedes Zitat belegt.
"Gott wird dich gebrauchen", hatte der Professor gesagt. Ja, davon bin ich überzeugt. Schließlich habe ich alles dafür getan.
Mehrere große Gemeinden haben Interesse signalisiert. Diese hier ist zwar nicht meine erste Wahl - der Abendgottesdienst einer Vorstadtkirche, na ja. Aber man muss klein anfangen. Und wer weiß? Vielleicht sitzt ja jemand vom Vorstand einer größeren Gemeinde im Publikum.
Als ich durch das hohe Portal trete, stocke ich kurz. Von den über 500 Plätzen sind höchstens fünfzig besetzt. Einige Grauköpfe in den vorderen Reihen, ein paar Mittvierziger weiter hinten.
Der Gemeindevorstand in der ersten Reihe nickt mir aufmunternd zu.
Ich atme kurz durch. “Macht nichts”, denke ich. “Auch kleine Aufgaben muss man ernst nehmen.”
Mit großen Schritten gehe ich nach vorne. Die ledergebundene Bibel und mein Tablet lege ich auf die Kanzel. Ein kurzer Check: Mikrofon an, Bildschirm entspiegelt, Präsentationsmodus aktiviert.
Perfekt.
Ich räuspere mich. "Liebe Gemeinde..."
Die Worte bleiben mir im Hals stecken.
Merkwürdig. Ich räuspere mich noch einmal. "Liebe Gemeinde..."
Nichts.
Mein Blick huscht zum Tablet. Die Buchstaben verschwimmen vor meinen Augen. Was will ich sagen? Der sorgfältig vorbereitete Einstieg - weg. Die brillante Überleitung - wie ausgelöscht.
Schweiß rinnt meinen Nacken hinunter. Die erwartungsvollen Augenpaare machen mich mit jeder Sekunde nervöser.
"Vertraue auf Gott!", hatte Dr. Wohlschmidt in einer Vorlesung gesagt. "Es kannst völlig leer sein, wenn du vor den Menschen stehst. Aber Gott wird dir die Worte geben."
Damals hatte ich nur müde gelächelt. Mit meiner Vorbereitung würde mir das nicht passieren.
Niemals!
Hatte ich gedacht ...
Mein Mund ist staubtrocken. Die Stille ist unerträglich. Weit hinten knackt ein Heizungsrohr. Eine Ewigkeit vergeht. Mein Herz hämmert so laut, dass die erste Reihe es bestimmt hören kann. Die wenigen Besucher sind eine verschwommene Masse aus erwartungsvollen Gesichtern.
"Herr, hilf mir!", will ich beten. Aber selbst dafür finde ich keine Worte mehr. Meine Lippen formen die Silben, doch es kommt kein Ton heraus. Das schwarze Mikrofon grinst mich an wie ein höhnischer Dämon.
Ich möchte im Boden versinken. Meine sorgsam aufgebaute Zuversicht bröckelt wie alter Putz von einer Kirchenmauer, verpufft wie Weihrauch im Durchzug. Mein Wissen, meine Vorbereitung, meine Auszeichnungen - sie sind nichts.
Plötzlich steht mir dieser Vers, den ich nie so recht verstanden habe, vor Augen:
Wenn der HERR nicht das Haus baut, so arbeiten umsonst, die daran bauen.
Mir wird klar: Ohne Gott sind wir nichts, ohne seinen Segen gelingt uns nichts. Zum ersten Mal in meinem Leben spüre ich echte, vollkommene Hilflosigkeit.
Es ist erschütternd.
Die Tränen kommen ohne Vorwarnung. Ich schnappe mir Tablet und Bibel und stolpere von der Kanzel. Mit gesenktem Kopf fliehe ich durch den Mittelgang.
Beim Vorbeigehen höre ich zwei alte Damen in der dritten Reihe flüstern.
"Der arme Junge", sagt die eine mitleidig.
"Ja," antwortet die andere nachdenklich. "Das war eine harte Lektion. Aber weißt du was? Wenn er so reingekommen wäre, wie er rausgeht, würde er so rausgehen, wie er reingekommen ist."
Was hälst du von der derzeitigen Mischung? Montag, Mittwoch und Freitag gibt es Andachten, Dienstag und Donnerstag Geschichten. Schreib mir kurz (es öffnet sich ein kleines Formular) oder schick eine Email.
Hab’ einen gesegneten Tag
Jörg “möchte das bitte nie erleben“ Peters