🔴 Das Ölfass der Wahrheit

Eine Geschichte über Vertrauen, Verrat und Versöhnung

Geschichte

In dieser Nacht wirst du zum Dieb an der Gemeinschaft.

Der Wasserkrug in deinen Händen ist schwer, aber die Last auf deinem Gewissen wiegt schwerer. Während du durch die dunklen Gassen deines Dorfes schleichst, rechtfertigst du dich: Die Dürre hat die Olivenernte verdorben. Deine Kinder werden immer dünner, während die Vorräte schwinden. Jeder kämpft ums Überleben. Eine Stimme in deinem Kopf flüstert: Wer weiß, ob die anderen noch etwas ins Gemeinschaftsfass geben? Vielleicht bist du der letzte, der an diese Tradition glaubt?

Das Fass auf dem Marktplatz war einmal dein ganzer Stolz. Seit Generationen füllt ihr es gemeinsam mit eurem besten Öl - heimlich, bei Nacht, jeder nach seinen Möglichkeiten. Keiner weiß, wer wieviel gibt. Ihr vertraut einander.

Oder besser gesagt: Ihr habt einander vertraut.

Euer Dorf ist bekannt für sein Öl. Jede Familie hat ihr eigenes Rezept, ihre eigene Art zu pressen und zu lagern. Aber das beste Öl, das kommt aus diesem einen Fass auf dem Marktplatz. Jedes Jahr. Und keiner weiß, warum. Es ist ein Geheimnis, das ihr seit Generationen bewahrt.

Früher warst du stolz, deinen Teil beizutragen. An warmen Sommerabenden schlichst du dich zum Fass, wie die anderen. Diese Tradition des gemeinsamen Ölfasses war mehr als ein Brauch - sie war ein Zeugnis eures Glaubens.

Ein Beweis, dass der Geist der ersten Gemeinde1 heute noch lebendig ist.

Aber heute Abend... heute Abend ist es anders. "Es ist nur einmal," redest du dir ein. "Die anderen merken es nicht."

Die Dämmerung verschluckt deine Gestalt, als du zum Fass schleichst. Deine Hände zittern. Was würde dein Vater sagen, wenn er dich so sehen könnte?

Die Wochen vergehen. Jeden Abend siehst du andere zum Fass gehen. Oder bildest du dir das nur ein? Nachts wälzt du dich im Bett, während die Schuldgefühle nagen. Beim Gottesdienst vermeidest du den Blick zum Kreuz. Das Abendmahl wird zur Qual.

Wie kannst du noch von diesem Kelch trinken, während du deine Gemeinschaft hintergehst?

Der Herbst kommt, und mit ihm der Tag der Wahrheit. Ihr steht alle auf dem Platz, als der LKW-Fahrer das Fass abholen möchte. Wie gewohnt soll vorher verkostet werden.

Der Bürgermeister tritt vor das Fass. Kurz zögert er. Du hältst den Atem an. Das metallische Knarzen des Ventils durchbricht die Stille. Der erste Rinnsal fließt. Dein Blick folgt ihm wie in Zeitlupe. Es ist kristallklar. Und durchsichtig!

Dein Magen verkrampft sich. Was herausfließt, ist Wasser.

Reines, klares Wasser.

Die Stille auf dem Platz ist ohrenbetäubend. Niemand sieht den anderen an. Du spürst die Scham wie eine schwere Decke über euch. Ihr hattet den gleichen Gedanken: Nur dieses eine Mal... nur ich... die anderen merken es nicht.

In dieser Nacht kannst du nicht schlafen. Immer wieder siehst du das Wasser aus dem Hahn fließen.

Eure Gemeinschaft, euer Vertrauen - weggespült von eurer Angst und eurem Selbstinteresse.

Als der Morgen anbricht, stehst du auf. Auf deinen Knien hast du die halbe Nacht verbracht, bis die Erkenntnis dich traf:

Nicht die anderen haben dich betrogen - du hast dich selbst betrogen. Um deinen Glauben, deine Würde, dein Vertrauen in Gottes Versorgung.

In deiner Vorratskammer steht noch der Krug mit deinem besten Öl - dem, das du für besondere Anlässe aufbewahren wolltest. Du nimmst ihn und gehst zum Platz. Das leere Fass steht noch da, wie eine stille Mahnung.

Deine Hände zittern, als du den Krug hebst. Aber diesmal aus einem anderen Grund. Du weißt nicht, ob die anderen kommen und dir folgen. Aber jemand muss den Anfang machen.

Das Öl glänzt golden in der aufgehenden Sonne, als es in das Fass fließt. Es ist nicht viel, aber es ist echt. In diesem Moment wird dir klar: So beginnt Versöhnung. Nicht mit großen Worten oder Versprechungen, sondern mit einer einfachen Handlung.

Mit dem Mut, den ersten Schritt zu wagen.

Denke an Jesus. Er wartete nicht darauf, dass Menschen sich ändern. Er gab sich selbst, verschenkte alles - sein Leben! - ohne Garantie, dass jemand seine Liebe erwidern würde. 2

Dieser Gedanke gibt dir Kraft, während du am Fass stehst, verletzlich und allein.

Hinter dir hörst du Schritte auf dem Kopfsteinpflaster. Dein Herz klopft. Was, wenn jemand dich verspottet? Dich einen Dummkopf nennt? Langsam drehst du dich um.

Es ist Maria, die alte Witwe von gegenüber. In ihren zittrigen Händen hält sie einen kleinen Krug - ihren letzten Rest Öl. Eure Blicke treffen sich. Ein leichtes Lächeln huscht über ihr Gesicht, als sie neben dich tritt.

Dann gießt sie ihr Öl ins Fass.

Ich habe das Design etwas entschlackt, da spart mir einige Minuten am Tag :)

Hab’ einen gesegneten Tag
Jörg “lass uns unser Öl zusammengießen“ Peters

1  Apostelgeschichte 2,44-45: “Und alle, die glaubten, waren an demselben Ort und hatten alles gemeinsam. Sie verkauften Hab und Gut und teilten davon allen zu, jedem so viel, wie er nötig hatte.” (Einheitsübersetzung)

2   Römer 5,8: “Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.” (Einheitsübersetzung)