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🔴 Die letzte Bahn nach Hause
Jede Begegnung ist wie ein Umsteigebahnhof - ein göttlich choreographierter Kreuzungspunkt von Lebenswegen
Geschichte
22:47 Uhr. Die letzte U-Bahn des Tages.
Das rhythmische Rattern der U-Bahn verschmilzt mit deinem Herzschlag. Drei zerknitterte Absageschreiben in der Tasche. Die Worte aus dem Bibelkreis noch im Ohr: "Gott spricht so klar zu mir..."
Du starrst auf dein verschwommenes Spiegelbild in der Scheibe. Wenn er so deutlich spricht - warum hörst du dann nur Schweigen?
Die U-Bahn ruckelt und kommt zum Stehen. Eine Durchsage verkündet Verzögerungen - du hörst sie kaum. Dein Blick haftet an der Liniennetzanzeige über der Tür, diese verschlungenen bunten Linien, die sich kreuzen und trennen. Wie ein Labyrinth aus Licht.
"Verzögerungen", murmelst du. "Immer nur Verzögerungen." Das Wort schmeckt bitter.
Die Notbeleuchtung flackert und wird schwächer. In der Stille hörst du deinen Herzschlag. Der Bibelvers von heute Morgen drängt sich in deine Gedanken:
“Denn ich allein weiß, was ich mit euch vorhabe: Ich, der HERR, habe Frieden für euch im Sinn und will euch aus dem Leid befreien. Ich gebe euch wieder Zukunft und Hoffnung. Mein Wort gilt!”
Du schließt die Augen, spürst die Vibration des Waggons in deinem Körper. Die Beleuchtung fällt komplett aus.
Dann bemerkst du eine Veränderung.
Die Dunkelheit hinter deinen Lidern pulsiert. Erst schwach, wie das Blinken ferner Leuchtfeuer. Dann deutlicher. Linien zeichnen sich ab, erst einzeln, dann verbunden. Sie leuchten in warmen Farben, bewegen sich wie Adern eines Organismus. Ein warmes Kribbeln breitet sich von deinen Schläfen aus.
Das Muster kommt dir vertraut vor. Du hast es schon hunderte Male gesehen, aber nie wirklich wahrgenommen. Die Linien über der U-Bahn-Tür...
Aber nein, das hier ist anders. Persönlicher. Als würdest du nicht auf einen Plan schauen, sondern er würde dich betrachten.
Dein Blick folgt einer leuchtend roten Linie. Sie beginnt an einer Station, die in warmem Licht erstrahlt - dem Tag deiner Taufe. Von dort schlängelt sie sich weiter, mal an der Oberfläche, mal tief unter der Erde. An manchen Stationen siehst du dich selbst sitzen, den Kopf in den Händen, zweifelnd.
Doch die Fahrt ging unaufhörlich weiter.
Eine blaue Linie kreuzt deinen Weg. Du erkennst Gesichter an den Stationen - Menschen, die dich begleitet haben. Manche nur kurz, andere sind noch immer da. Die Gemeinde - wie ein großer Umsteigebahnhof, an dem sich viele Wege treffen.
Fasziniert beobachtest du, wie an den Kreuzungspunkten der Linien kleine Lichtreflexe leuchten.
Du erinnerst dich: Hier, wo der Trost einer Freundin plötzlich Gottes Stimme wurde. Dort, wo eine zufällige Begegnung dein Leben in neue Bahnen lenkte. Jeder Funke eine Erinnerung an Momente, in denen sich der Nebel lichtete und du für einen kurzen Augenblick den größeren Zusammenhang erahnen konntest.
Je länger du schaust, desto mehr Details offenbaren sich.
Zwischen den Hauptlinien schweben kleine Symbole. Dein Herz schlägt schneller, als du eines davon erkennst - damals, nach dem Jugendgottesdienst, als du im Gemeindehaus bliebest und zum ersten Mal diese Gewissheit spürtest: Du bist nicht allein.
Die Streckenführung erzählt eine Geschichte. Manche Abschnitte strahlen in hellen Farben, wo der Weg klar vor dir lag. Aber ein Großteil der Linien verschwindet immer wieder im Grau, taucht in die Tiefe, wie... ja, wie diese U-Bahn.
Dann bemerkst du etwas Überraschendes: In den dunkelsten Tunneln gibt es die meisten Haltestellen. Kleine Lichtpunkte in der Dunkelheit. Als würde jemand sagen: Hier darfst du eine Pause einlegen. Durchatmen. Dich erinnern, dass dieser Tunnel Teil der Strecke ist.
Ein pulsierendes Licht zieht deinen Blick auf sich. Ein roter Punkt auf einer grauen Linie, direkt vor einer scharfen Kurve. Dein Herzschlag beschleunigt sich, als du die kleine Beschriftung entdeckst: "Jetzt".
Die Erkenntnis trifft dich mit voller Wucht, lässt deine Fingerspitzen kribbeln: Dieser dunkle Tunnel, diese scheinbare Sackgasse - sie ist kein Fehler. Deine Kehle schnürt sich zu, während Tränen in deine Augen steigen. Keine falsche Abzweigung. Sie ist genau da eingezeichnet, wo sie sein soll.
Das ist Teil des Plans!
Dein Blick wandert nach oben, folgt dem verschlungenen Weg der Linien. Dort, wo sich alle Wege treffen, pulsiert ein warmes, goldenes Licht. Es scheint zu dir herabzulächeln, als würde es sagen: "Siehst du? Jeder Tunnel, jede Kreuzung, jeder Umweg - sie führen hierher. Nach Hause."
Die Notbeleuchtung flackert, dann flammen die Hauptlichter wieder auf. Der Waggon ruckelt und setzt sich langsam in Bewegung. Die Vision verblasst, aber die Gewissheit bleibt, warm und klar wie das goldene Licht, das dir gerade noch vom Ziel entgegen leuchtete.
Draußen gleiten Lichter vorbei. Du betrachtest dein Spiegelbild in der Scheibe, siehst ein feines Lächeln um deine Mundwinkel. Die Absageschreiben in deiner Tasche sind immer noch da. Der Weg vor dir ist nicht leichter geworden.
Aber du weißt: Diese dunkle Stelle, dieser Tunnel - er wurde nicht übersehen bei der Streckenplanung.
Er wurde präzise gezeichnet.
Von einer Hand, die jeden Kilometer kennt.
Die U-Bahn gleitet durch die Nacht, das vertraute Rattern jetzt wie ein beruhigender Herzschlag, und zum ersten Mal seit langem fühlst du dich nicht mehr verloren.
Du bist genau da, wo du sein sollst.
Auf dem Weg nach Hause.
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Hab’ einen gesegneten Tag
Jörg “fährt am liebsten Fahrrad“ Peters