🔴 Wie Opa die Bibel zum Leben erweckt

Von mutigen Sprüngen, unerwarteten Begegnungen und spontanem Gesang - wenn Bibelgeschichten lebendig werden

Geschichte

„Opa! Was machst du da oben?"

Ich traue meinen Augen nicht. Da sitzt mein Großvater – in seinem guten grauen Anzug! – auf dem Kirschbaum in seinem Vorgarten. Zwischen all den Kirschen hockt er auf einem Ast und winkt mir fröhlich zu, als wäre es das Normalste der Welt.

„Lisa! Da bist du ja endlich!" Er strahlt über das ganze Gesicht. „Moment, ich komme runter. Ich muss dich heute unbedingt zum Essen einladen!"

Perplex lasse ich meinen Rucksack fallen. Das ist doch nicht mein Opa! Also, klar ist er's, aber... Normalerweise ist er die Ruhe selbst. Ein gemütlicher Rentner halt, der im Garten werkelt und morgens seine Bibel liest. Aber das hier? Total crazy.

„Pass auf, Opa! Dein Anzug!"

Zu spät. Beim Herunterklettern bleibt er an einem Ast hängen. Ein hässliches Reißgeräusch zerreißt die Stille. Opa schaut an sich herunter, entdeckt den Riss in seiner Anzughose und... lacht. Er lacht einfach nur.

„Opa, geht's dir gut?" Vorsichtig nähere ich mich dem Baum. Vielleicht hat er einen Sonnenstich? Es ist immerhin der erste richtig warme Tag im Juni.

„Bestens, meine Kleine! Heute ist ein besonderer Tag. Weißt du was? Wir gehen jetzt sofort in die Stadt und laden ein paar Menschen zum Essen ein. Ich zahle alles!"

„Aber..." Hilfesuchend schaue ich zur Haustür. Wo ist Oma, wenn man sie braucht?

Als hätte sie meine Gedanken gehört, erscheint sie in der Tür. Mit einem Geschirrtuch in der Hand und einem nachsichtigen Lächeln auf den Lippen betrachtet sie das Schauspiel.

„Oma!", flüstere ich, als ich mich zu ihr flüchte. „Was ist los mit Opa? Hat er... ich meine... stimmt was nicht mit ihm?"

Sie lacht leise und zieht mich in die Küche. Während sie den Teekessel aufsetzt, zwinkert sie mir zu. „Ach Lisa, dein Opa... der hat heute Morgen wieder seine Bibel gelesen."

„Und davon klettert er auf Bäume? Im Anzug?"

„Schau mal dort." Sie deutet auf den Küchentisch. Da liegt sie, die alte Bibel meines Opas. Sie ist aufgeschlagen, daneben ein Notizblock mit seiner ordentlichen Handschrift. Ich beuge mich vor und lese: ‚Heute: Lukas 19 – Zachäus. Ein kleiner Mann auf einem Baum, der Jesus unbedingt sehen will. Er lädt ihn zum Essen ein und wird großzügig. Das will ich heute leben!'

„Ach Lisa." Oma gießt den Tee auf und zwinkert mir zu. „Dein Opa liest die Bibel nicht einfach nur. Er lebt sie. Jeden Tag neu. Manchmal ein bisschen... überraschend."

„Aber..." Ich komme nicht dazu, meinen Satz zu beenden. Die Küchentür fliegt auf.

„Lisa! Oma! Kommt ihr? Ich habe einen Tisch im ‚Hafenblick' reserviert. Und wisst ihr was? Ich habe den Obdachlosen von der Ecke auch eingeladen. Und die nette Postbotin. Und den neuen Nachbarn, der immer so griesgrämig schaut."

Oma seufzt, aber ihre Augen leuchten. „Ich hole nur schnell meine Handtasche. Und..." Sie mustert Opas zerrissene Hose. „...vielleicht solltest du dir etwas anderes anziehen?"

„Keine Zeit!", ruft er begeistert. „Heute ist der Tag der offenen Herzen. Kommt!"

Während ich hinter meinen Großeltern her zur Bushaltestelle trotte, wird mir klar: Das werden interessante Ferien. Sehr interessante Ferien.

Das Mittagessen gestern war... anders als erwartet.

Normalerweise sitze ich beim Essen lieber mit Leuten zusammen, die ich kenne. Aber der Obdachlose hatte die besten Geschichten auf Lager, die Postbotin erzählte von ihren verrücktesten Zustellungen, und der griesgrämige Nachbar lächelte sogar einmal. Kurz. Aber immerhin. Vielleicht hatte Opa Recht - manchmal muss man einfach über seinen eigenen Schatten springen.

Heute Morgen bin ich extra früh aufgewacht. Ich wollte unbedingt sehen, was Opa als Nächstes plant. Tatsächlich saß er schon am Küchentisch, die Bibel vor sich, den Notizblock daneben. Als er mich sah, klappte er das Buch schnell zu.

„Guten Morgen, Lisa! Perfektes Timing. Ich wollte gerade eine kleine Fahrradtour machen. Kommst du mit?"

Misstrauisch musterte ich ihn. „Eine normale Fahrradtour?"

Er grinste nur.

Eine Stunde später stehen wir mit unseren Rädern an der Tankstelle am Stadtrand. Ein schwarzer SUV mit Hamburger Kennzeichen hält an der Zapfsäule. Der Fahrer steigt aus, Anzug, Krawatte, Handy am Ohr.

„Nein, tut mir leid, ich schaffe es nicht pünktlich", höre ich ihn ins Telefon sagen. „Das blöde Navi hat mich in die völlig falsche Richtung geschickt... ich hab keine Ahnung, wo ich bin."

„Oh!", Opas Augen leuchten auf. Er schwingt sich von seinem Rad. „Wissen Sie was? Wir helfen Ihnen! Die Autobahn suchen Sie, stimmt's?"

Der Mann nickt überrascht, das Handy noch am Ohr.

Opa grinst: „Perfekt! Wir warten, bis Sie getankt haben. Dann können wir uns in das nette Café da drüben setzen, und ich zeichne Ihnen eine Karte. Die ist besser als jedes Navi!"

Ich möchte im Erdboden versinken. Der Mann starrt uns an, als wären wir komplett übergeschnappt. Was wir vermutlich auch sind.

Aber zu meiner Überraschung sagt er ins Telefon: „Hör zu, ich melde mich später" und steckt es ein.

Zehn Minuten später sitzen wir tatsächlich im Café. Opa zeichnet mit Begeisterung auf einer Serviette herum. „Sehen Sie, das ist der schnellste Weg. Aber während ich zeichne – haben Sie eigentlich schon mal von einem Mann namens Jesus gehört?"

Der Geschäftsmann seufzt, nimmt aber einen Schluck von seinem Kaffee. „Einige Male!" Er lächelt müde. "Aber ehrlich gesagt ist das lange her. Wie kommen Sie denn jetzt auf Jesus?"

Ich nippe an meiner Cola und kann's nicht fassen: Der Geschäftsmann hört tatsächlich zu! Opa erklärt nicht nur den Weg zur Autobahn, sondern erzählt auch noch diese krasse Geschichte von der Straße nach Gaza. Von diesem wichtigen Typen in seiner Kutsche und dem Fremden, der ihm half, diese uralte Schriftrolle zu verstehen. Und das Verrückte ist - es klingt echt spannend.

Als wir uns verabschieden, sieht der Mann irgendwie gar nicht mehr gestresst aus. „Danke", sagt er. „Für... also, für beides. Den Weg. Und das Gespräch."

Opa strahlt. „Gern geschehen! Wenn Sie wieder in der Gegend sind – Sie wissen ja jetzt, wo Sie uns finden!"

Als der Wagen außer Sichtweite ist, kann ich nicht mehr an mich halten. „Opa! Das war... das war..."

Opa zieht seinen Notizblock aus der Tasche und macht einen Haken hinter seine Notizen. „Apostelgeschichte 8", sagt er vergnügt. „Philippus und der äthiopische Kämmerer. Manchmal muss man einfach die Gelegenheiten nutzen, die Gott einem schickt. Auch wenn sie in einem teuren Auto sitzen." Er zwinkert mir zu. „Wie wäre es mit noch einem Eis?"

Ich schüttle den Kopf, muss aber lachen. „Lass mich raten: Da sitzt zufällig jemand, der unbedingt von Jesus hören muss?"

„Man weiß nie!", sagt Opa fröhlich und schwingt sich wieder auf sein Rad.

Tag drei bei Oma und Opa.

Ich sitze im Wartezimmer der Zahnarztpraxis Dr. Kleinschmidt und versinke vor Scham im Stuhl. Neben mir sitzt Opa, der gleich behandelt werden soll. Mit geschlossenen Augen summt er vor sich hin - und zwar nicht gerade leise.

Als ich heute Morgen seinen Notizblock gesehen hatte, stand da: „Apostelgeschichte 16 – Paulus und Silas singen im Gefängnis. Herr, hilf mir heute beim Zahnarzt, genau so mutig zu sein!"

„Opa", flüstere ich und stupse ihn an. „Alle starren uns an!"

Es stimmt. Die Dame mit der Modezeitschrift. Der Mann mit dem dicken Verband um den Kiefer. Sogar das kleine Kind mit seiner Mutter. Alle starren.

Opa öffnet kurz die Augen. „Weißt du, Lisa", sagt er in normaler Lautstärke, „als ich klein war, hatte ich schreckliche Angst vorm Zahnarzt. Aber heute..." Er schließt die Augen wieder und summt weiter. Jetzt erkenne ich die Melodie. „Gut, dass wir einander haben."

Eine Frau im weißen Kittel steckt den Kopf durch die Tür. „Herr Weber? Wir sind soweit."

Opa steht auf. Und dann passiert es. Er fängt an zu singen. Nicht zu summen. Zu singen!

„Gut, dass wir einander haben, gut, dass wir einander sehn..."

Ich rutsche so tief in meinen Stuhl, wie es nur geht. Das ist schlimmer als gestern im Café. Schlimmer als die Zachäus-Nummer. Das ist...

„… Sorgen, Freuden, Kräfte teilen und auf einem Wege gehn…"

Die Zahnarzt-Helferin starrt ihn an. Opa marschiert an ihr vorbei in Richtung Behandlungszimmer, unbeirrt singend. Seine Stimme zittert ein bisschen.

Dann höre ich eine zweite Stimme. Hell und klar.

„Keiner, der nur immer jubelt, keiner, der nur immer weint...”

Die Zahnarzt-Helferin! Sie singt mit! Und nicht nur das – sie kann's richtig gut.

„…Oft schon hat uns Gott in unsrer Freude, unsrem Schmerz vereint…"

Im Wartezimmer ist es totenstill. Die beiden Stimmen werden leiser.

„War das... war das gerade echt?", fragt der Mann mit dem dicken Verband undeutlich.

Das kleine Kind klatscht begeistert. „Nochmal!"

Seine Mutter lacht. „Das war ja wie im Musical!"

„Das war mein Opa", sage ich. Und krass - plötzlich ist mir das Ganze überhaupt nicht mehr peinlich. Ich bin sogar irgendwie... stolz?

Als Opa später rauskommt, strahlt er übers ganze Gesicht. Nicht mal die taube Backe kann sein Lächeln dämpfen.

„Nächstes Mal", sagt die Helferin beim Abschied, „singen wir ‚Von guten Mächten'. Das ist mein Lieblingslied."

„Abgemacht!", sagt Opa. Dann zwinkert er mir zu. „Weißt du, Lisa, manchmal muss man im Gefängnis seiner Angst einfach anfangen zu singen. Man weiß nie, wer mitsingt – und wessen Ketten dabei kaputtgehen."

Ich schüttle nur den Kopf. Aber insgeheim frage ich mich schon, was morgen wohl in seinem Notizblock stehen wird...

Auf dem Heimweg denke ich über die letzten drei Tage nach. Über einen Opa, der auf Bäume klettert. Der Fremden den Weg erklärt. Der beim Zahnarzt singt.

Eigentlich hatte ich gedacht, Bibellesen sei sowas wie Hausaufgaben machen. Man tut es, weil man muss. Weil es sich gehört. Aber Opa... der liest die Bibel wie eine Tageszeitung. Als wären die Geschichten von heute. Als würde Gott ihm jeden Morgen einen persönlichen Brief schreiben.

Als wir zu Hause ankommen, schleiche ich mich in die Küche. Opas Bibel liegt noch auf dem Tisch. Vorsichtig streiche ich über die vergilbten Seiten. All die unterstrichenen Stellen, die Eselsohren, die kleinen Notizen am Rand - jede davon eine Geschichte, die nur darauf wartet, zum Leben erweckt zu werden.

Daneben liegt sein Notizblock. Die nächste Seite ist noch leer. Sie wartet auf morgen.

Ich hole tief Luft und greife nach der Bibel. "Opa?", rufe ich. "Kannst du mir zeigen, wo ich anfangen soll zu lesen?"

Sein Gesicht erscheint in der Tür, heller strahlend als die Morgensonne beim Zachäus-Abenteuer.

"Na klar, Lisa", sagt er und setzt sich neben mich. "Weißt du was? Wir fangen einfach vorne an. Und dann... dann sehen wir mal, was Gott morgen mit uns vorhat."

Heute ein bisschen länger :)

Hab’ einen gesegneten Tag
Jörg “ist beim Zahnarzt eher schweigsam“ Peters