- Jesusjournal
- Posts
- 🔴 Das Kästchen des Buchhalters
🔴 Das Kästchen des Buchhalters
Über den Unterschied zwischen Bewahrung und Verwahrung
Geschichte
Frank, 37, geschieden, Buchhalter, sitzt vor seinem Computer. Sein Leben ist so geordnet wie die Excel-Tabellen auf seinem Bildschirm. Bis zu dieser Nacht.
Es geschieht im Schlaf. Ohne Vorwarnung bekommt er ein Geschenk.
Warum er? Vielleicht ist es seine Gewöhnlichkeit, die Gott bewegt, ausgerechnet ihn auszuwählen. Einen Mann, dessen größte Aufregung die jährliche Steuererklärung ist.
Der Morgen jedenfalls beginnt wie immer. Frank steht auf, duscht, zieht sich an. Erst als er im Hausflur seiner alten Nachbarin begegnet, merkt er, dass etwas anders ist.
Frau Weber schleppt wie jeden Morgen ihre Einkaufstasche die Treppe hinunter, das arthritische Knie macht ihr zu schaffen. Sonst eilt er schnell an ihr vorbei. Heute bleibt er stehen, sieht die Sorgenfalten um ihre Augen, die zitternden Hände. Ohne nachzudenken greift er nach ihrer Tasche. "Lassen Sie mich das tragen, Frau Weber."
Seine Stimme klingt fremd in seinen Ohren - weicher, wärmer. “Ist das Gottes Perspektive?”, durchzuckt es ihn. Sieht Gott jeden Menschen so? Kostbar und verletzlich? Als liebenswertes Geschöpf?
Er spürt einen warmen Sonnenstrahl, Tränen steigen ihm in die Augen, eine Erkenntnis macht sich in ihm breit: “So ist es, wenn Gott durch einen Menschen liebt.”
Auf dem Weg zur Arbeit sieht Frank die Welt mit neuen Augen. Der Zeitungsverkäufer, die gestresste Mutter mit dem quengelnden Kind, der gehetzt wirkende Geschäftsmann - in jedem erkennt er einen kostbaren Juwel, den Gott in seine Hand gelegt hat.
Im Büro angekommen, lässt sich Frank in seinen Stuhl fallen. Sein Herz ist so voll, dass er kaum atmen kann. "Danke", flüstert er, während ihm erneut Tränen über die Wangen laufen. Diese neue Art zu sehen und zu fühlen - sie ist kostbarer als alles Gold.
Eine Gabe, die er beschützen und bewahren muss.
In der Mittagspause sitzt Frank auf einer Parkbank und teilt sein Sandwich mit einem obdachlosen Mann. Er hört zu, wie dieser von seinen zerbrochenen Träumen erzählt. Zum ersten Mal sieht Frank nicht weg, sondern lässt die Not des anderen an sich heran.
Doch dann geschieht etwas Verstörendes: Der Mann greift nach Franks Hand, will sie nicht mehr loslassen. "Du musst mir helfen!", fleht er. "Du bist der Erste, der mich versteht!" Seine Finger krallen sich in Franks Arm, seine Augen werden fordernd, gierig.
Hastig reißt Frank sich los.
Am Abend sitzt er in seiner Wohnung und reibt die Stelle, wo der Mann ihn festgehalten hat. Seine neu gewonnene Liebe fühlt sich verletzlich und gefährdet an, als hätte der verzweifelte Griff des Obdachlosen einen Makel auf sie geworfen, sie verunreinigt.
Nachts wälzt er sich unruhig hin und her. "Das darf nicht sein!", flüstert er in die Dunkelheit. Die Erinnerung an die gierigen Augen des Obdachlosen jagt ihm Schauer über den Rücken. "Diese Liebe... sie ist zu kostbar, zu rein. Die Menschen werden sie missbrauchen."
Am nächsten Morgen meldet Frank sich krank. Seine Hände zittern, als er zum Telefon greift. Die Angst hat an ihm genagt wie eine hungrige Ratte. Er geht in seine Werkstatt und beginnt wie besessen zu arbeiten. Aus edlem Kirschholz schnitzt er ein Kästchen, polstert es mit dunkelrotem Samt. Seine Finger zittern, während er die feinen Ornamente einritzt: Engel, die ihre Flügel schützend ausbreiten. "Von nun an", murmelt er, während er den letzten Schliff anlegt, "zeige ich diese Liebe nur noch denen, die sie verdienen."
Als Frank am nächsten Tag ins Büro zurückkehrt, trägt er das Kästchen in seiner Aktentasche. Bei jeder Begegnung tastet er unwillkürlich danach und vergewissert sich, dass es sicher verschlossen ist.
Abends auf dem Nachhauseweg sieht er Frau Weber wieder. Sie lächelt ihm zu, will von ihrem kranken Enkel erzählen. Frank zögert. Seine Hand streicht über das Kästchen. Verdient sie einen Blick auf sein Geschenk? Dann sieht er, wie sie einem neuen Nachbarn zuwinkt. "Dies hier ist der nette Mann, der mir gestern die Tasche getragen hat..." Freudig sieht sie ihn an.
Frank weicht zurück, presst die Aktentasche an sich. Nein. Sie würde sein Geschenk nur wie eine Klatschgeschichte herumreichen. "Tut mir leid," murmelt er, "ich habe noch einen wichtigen Termin."
Mit jedem Tag wird sein Blick misstrauischer, sein Griff um das Kästchen fester. Er beobachtet, wie die Menschen über andere lästern, Vertrauensbeweise ausnutzen und Gefühle manipulieren. "Siehst du?", flüstert er dem Kästchen zu, "ich beschütze dich vor ihnen."
Die Jahre vergehen. Frank wechselt die Firma, zieht in eine andere Stadt. Das Kästchen begleitet ihn überall hin - ein treuer Gefährte, stumm und zunehmend schwerer.
Manchmal, wenn er nachts nicht schlafen kann, öffnet er es heimlich. Seine Finger streichen über das Geschenk der Liebe, doch es fühlt sich jetzt kälter und starrer an. Was früher wie warmer Honig floss, gleicht jetzt dem kalten Wachs einer Kerze. “Das muss so sein”, redet er sich ein. “Nur so bleibt die Liebe rein.”
"Ich beschütze dich", flüstert er, während er den Samt glattstreicht. "Die Welt hat dich nicht verdient."
An seinem sechzigsten Geburtstag sitzt er allein in seiner Wohnung. Die Nachbarn kennen ihn nur als den "seltsamen Kauz mit dem Kästchen". Er hat sich daran gewöhnt. Besser einsam als verletzt, denkt er und streichelt das abgegriffene Holz.
In dieser Nacht schließt er zum letzten Mal seine Augen.
Als er sie wieder öffnet, steht er vor Gott. Seine Hände umklammern noch das Kästchen. "Sieh nur", sagt er mit zitternder Stimme, "ich habe Dein Geschenk bewahrt. All die Jahre habe ich es beschützt. Es ist noch genauso schön wie am ersten Tag."
Gott nimmt das Kästchen sanft in seine Hände. Als er es öffnet, rinnt eine Träne über sein Gesicht. Wortlos reicht er es Frank zurück. Dann wendet er sich ab.
Hastig und mit zitternden Fingern öffnet Frank das Kästchen. Was er findet, lässt sein Herz gefrieren. Eine Eidechse, verkrümmt und grau, mit einem grotesken Grinsen. In ihren Augen erkennt er den gierigen Blick, den er jahrelang in anderen Menschen zu sehen glaubte. Erstarrt beobachtet er, wie die Echse mit einem Sprung auf dem Boden landet und unter einem Stein verschwindet.
Willst du mehr wissen? Lies diesen kurzen Text. Und nutze Gottes Geschenke an Dich zu Seiner Ehre.
Hab’ einen gesegneten Tag
Jörg “lass Gottes Liebe fließen“ Peters