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🔴 Die Geschichte, die sich selbst erzählte
Eine Erzählung über einen Autor, der eine Geschichte über einen Mann schreiben wollte, der Gott überlisten will - bis Gott beschließt, selbst zur Feder zu greifen.
Geschichte
'Der Mann, der Gott überlisten wollte'
Simon starrt auf diesen einen Satz auf seinem Bildschirm. Seit einer Stunde. In vierzig Minuten soll er die Geschichte seiner Gemeinde vorlesen. Wenn er sie denn endlich zu Papier bringen würde.
"Nicht schon wieder diese vorhersehbare Moral", murmelt er und löschte den gerade geschriebenen Absatz. "Das muss doch anders gehen."
Er sieht sie schon vor sich: Pastor Wegner in der ersten Reihe, der zustimmend nickt und seinen Textmarker zückt. Die Jugendgruppe hinten rechts, die höflich gähnt. Und Frau Meier, die nach jeder Geschichte verkündet: "Eine wichtige Lektion für uns alle."
Seine ursprüngliche Idee hatte sich so anders angefühlt: Ein brillanter Denker trifft Gott auf einer Parkbank und führt ein philosophisches Duell. Fragen über Leid, Willensfreiheit... Simon schnaubt. Jetzt klingt es wie ein billiger "Mensch lernt Demut"-Plot. Als würde Gott persönlich über seine Schulter schauen und spotten: "Na, wieder einer, der's besser weiß?"
18:23 Uhr. Sein Handy blinkt, eine WhatsApp seiner Frau: "Wo bleiben die Kopien?"
Kopien. Simon verzieht das Gesicht. Als würde die Geschichte dadurch besser, dass dreißig Leute mit Textmarkern darin herummalen. Er sieht schon Pastor Wegners Randbemerkungen: "Schöne Parallele zu Hiob!" oder "Erinnert mich an den verlorenen Sohn!"
"Bin noch beim Schreiben," tippt er zurück. Seine Finger zittern leicht.
Das Antwort-Emoji seiner Frau spricht Bände: 😱
"Keine Panik", murmelt er. "Ich schaff das schon. Irgendwie." Aber seine Stimme klingt selbst in seinen Ohren nicht überzeugend.
Simon atmet tief durch und strafft die Schultern. "Okay, Gott", sagt er trotzig. "Du willst eine Geschichte über Hochmut? Die kannst du haben. Aber diesmal anders."
Der Cursor pulsiert wie ein ungeduldiger Herzschlag. Simons Finger fliegen über die Tastatur:
"Ein Mann namens Listig – studierter Theologe und brillanter Denker – hat sich jahrelang auf diesen Moment vorbereitet. Seine Argumente sind wasserdicht, seine Logik unschlagbar. Als er Gott auf der Parkbank sieht, weiß er: Jetzt bekommt er Antworten. Echte Antworten, nicht diese ausweichenden Phrasen, die..."
Das Display erlischt. Mitten im Satz.
Schwärze.
Simons Finger verharren über der Tastatur wie eingefroren. Sein Gehirn weigert sich zu verstehen, was seine Augen sehen.
"Nein." Das Wort kommt als heiseres Flüstern. "Neinneinnein..." Seine Finger zucken reflexartig zur Strg+S-Kombination – eine nutzlose Geste und natürlich ohne jede Reaktion.
Panik steigt in ihm auf. Er hämmert wild auf den Power-Button. Nichts. Nicht einmal die rote Standby-Leuchte, die sonst wie ein treues Auge in der Dunkelheit wacht. Totenstille, wo sonst das beruhigende Summen der Festplatte ist.
"Das ist ein Witz, oder?" Er springt zum Fenster. Draußen leuchten die Straßenlaternen in der Dämmerung. Im Nachbarhaus flimmert der Fernseher. Nur sein Arbeitszimmer liegt im Dunkeln, als hätte jemand einen kosmischen Lichtschalter nur für ihn umgelegt.
"Das ist nicht dein Ernst, oder?" Simon starrt zur Decke, als könnte er durch sie hindurch direkt in den Himmel sehen. Seine Hände ballen sich zu Fäusten. "Jetzt? Das ist..."
Die Worte bleiben ihm im Hals stecken. Etwas in seinem Kopf klickt. Wie ein Schlüssel, der ins Schloss passt.
Langsam, ganz langsam, breitet sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus. Erst in den Mundwinkeln, dann bis zu seinen Augen. Ein echtes Lächeln, kein verzweifeltes Grinsen.
"Das ist..." Er schüttelt ungläubig den Kopf. "Das ist verdammt brillant."
Mit zitternden Händen greift er nach Stift und Papier. Die Worte kommen wie von selbst, als hätte jemand anders die Kontrolle übernommen:
"Dies ist die Geschichte eines Autors, der anders sein wollte. Der eine Geschichte schreiben wollte über einen Mann, der Gott überlistet. Doch dann..."
Seine Hand stoppt mitten in der Bewegung. In seinem Kopf kämpfen zwei Stimmen:
'Das kannst du nicht bringen.'
'Doch, genau das ist es.'
'Aber es ist so... offensichtlich.'
'Ja. Weil es wahr ist.'
Er atmet tief durch. Dies ist nicht mehr seine kunstvolle Geschichte über einen fiktiven Herrn Listig. Dies ist seine Geschichte. Die Geschichte, die Gott gerade schreibt – mit ihm als unfreiwilligem Hauptdarsteller. Aufgeregt schreibt er weiter.
19:12 Uhr.
Der Gemeindesaal ist voll. Fünfzig Gesichter starren erwartungsvoll auf Simon, der vorne am Rednerpult steht. Keine PowerPoint-Präsentation. Keine Handouts auf den Stühlen. Nur ein zerknitterter Zettel mit hastig gekritzelten Notizen.
Pastor Wegner runzelt die Stirn. Frau Meier greift nach ihrem Textmarker. Die Jugendgruppe hinten rechts tauscht gelangweilte Blicke aus.
"Tut mir leid für die Verspätung." Simons Stimme klingt anders. Kein aufgesetztes Selbstbewusstsein, das er heute Nachmittag noch vor dem Spiegel eingeübt hatte. Stattdessen ein echtes Lächeln, das seine Augen erreicht. "Ich hatte heute ein interessantes Erlebnis mit meiner Geschichte."
Pastor Wegner lehnt sich vor, den Kugelschreiber in der Hand. Doch dann hält er inne. Etwas in Simons Stimme lässt ihn aufhorchen.
"Eigentlich," fährt Simon fort und seine Stimme wird fester, "hatte ich heute eine brillante Geschichte für Sie vorbereitet. Eine Geschichte über einen Mann, der Gott mit philosophischen Fragen in die Enge treiben will." Er macht eine Pause. "Zumindest dachte ich, sie wäre brillant."
Ein leises Kichern geht durch die Reihen. Einige nicken wissend.
"Aber dann," Simon lehnt sich leicht vor, "passierte etwas Merkwürdiges. Genau als ich dabei war, diese überaus kluge Geschichte zu schreiben..." Seine Augen wandern durch den Raum. "...fiel der Strom aus. Aber nur in meinem Arbeitszimmer."
Die Jugendgruppe hinten rechts tuschelt. Frau Meier legt ihren Textmarker beiseite. Und Pastor Wegner... na ja, Pastor Wegner beginnt zu grinsen.
Simon lässt die Worte einen Moment wirken. Dann richtet er sich auf, und plötzlich funkeln seine Augen.
"Wissen Sie, was mein erster Gedanke war?" Er wartet kurz. "'Das ist doch wohl nicht Gottes Ernst! Ich meine, ausgerechnet JETZT? Während ich diese überaus wichtige Geschichte schreibe?"
Einige im Publikum schmunzeln.
"Und dann", seine Stimme wird leiser, "dann traf es mich wie ein Blitz. Da saß ich, wütend auf den Stromausfall, überzeugt von meiner brillanten Geschichte - und verhielt mich EXAKT wie die Hauptfigur, über die ich schreiben wollte."
Pastor Wegner legt seinen Kugelschreiber weg. Die Jugendgruppe hat aufgehört zu tuscheln. Sogar Frau Meier scheint den fehlenden Handzettel vergessen zu haben.
"Mir wurde klar: Gott schrieb längst seine eigene Geschichte. Mit mir als unfreiwilligem Hauptdarsteller."
Er grinst.
"Aber das Beste kommt noch," sagt Simon und tritt einen Schritt zur Seite. "In dem Moment, in dem ich diese... nennen wir es 'göttliche Ironie' erkannte, dachte ich: 'Aha! JETZT habe ich's verstanden!'"
Er lässt seinen Blick durch die Reihen schweifen. "Und genau DA wurde mir klar: Ich hielt mich schon wieder für besonders klug. Für jemanden, der's kapiert hat."
Ein wissendes Lächeln huscht über Pastor Wegners Gesicht.
"Und jetzt", Simon beugt sich leicht vor, "kommt der Teil, der mich wirklich umgehauen hat. Viele von euch denken gerade: 'Ja, typisch Simon. Tappt in genau die Falle, die er selbst beschreiben wollte.' Stimmt's?"
Zustimmendes Nicken. Einige grinsen. Frau Meier schreibt in ihr Notizbuch.
Simon wartet kurz. Sein Lächeln wird breiter.
"Aber jetzt kommt's," sagt er leise. "In diesem Moment, wo ihr über mich schmunzelt... wo ihr denkt 'Ach, der gute Simon, merkt gar nicht, wie er in seine eigene Geschichte tappt'... genau DA passiert es wieder."
Er macht eine Pause. In der ersten Reihe runzelt jemand die Stirn.
"Ihr fühlt euch nämlich gerade alle ein kleines bisschen klüger als ich. Genau wie ich mich klüger fühlte als meine Hauptfigur. Genau wie meine Hauptfigur sich klüger fühlte als Gott."
Die Gesichter in den Reihen werden nachdenklich. Frau Meier lässt ihren Stift sinken.
Ein Mann in Arbeitskleidung hebt hinten im Raum die Hand. "Aber wenn das so ist", fragt er, "tappen wir nicht IMMER in diese Falle? Egal, wie oft wir eine Lektion lernen?"
"Genau das ist der Punkt", sagt Simon ernst. "Vielleicht geht es nicht darum, diese Falle zu vermeiden. Vielleicht können wir sie gar nicht vermeiden. Vielleicht ist dieses immer wiederkehrende Erkennen unseres Hochmuts Teil von Gottes Geschichte."
"Wie meinen Sie das?", fragt Pastor Wegner und lehnt sich vor.
Simon lächelt. "Stellen Sie sich vor: Jedes Mal, wenn wir denken 'Ah, JETZT hab ich's verstanden!', schreibt Gott schon einen nächsten Absatz. Und wir? Wir sind wie die 'schlauen' Leser, die denken, sie kennen die Geschichte schon."
Nach dem Gemeindeabend, als die meisten schon gegangen sind, kommt der Mann von vorhin zu ihm. "Übrigens", sagt er und räuspert sich verlegen, "das mit dem Stromausfall... das war ich. Der neue Elektriker. Hab versehentlich die falsche Sicherung erwischt."
Simon starrt ihn an. Dann beginnt er zu lachen. "Wissen Sie was? Ich dachte, Gott hätte..." Er hält inne. "Oh. Da war sie wieder, die Falle."
Der Mann lächelt. "Tja," sagt er und schultert seine Werkzeugtasche, "manchmal schreibt Gott mit durchgebrannten Sicherungen die besten Geschichten."
Simon sieht ihm nach, wie er durch die Tür verschwindet. Ein letztes Schmunzeln huscht über sein Gesicht.
Wieder eine Geschichte, die anders ausgegangen ist er dachte. Und wieder einmal besser.
Heute ist ein bisschen länger geworden. Könnte es sein, dass die Geschichte ein bisschen kompliziert geworden ist? Ist klar geworden, was ich ausdrücken möchte Schreib mir kurz (es öffnet sich ein kleines Formular), wie du die Geschichte empfindest.
Hab’ einen gesegneten Tag
Jörg “Gott ist immer für eine Überraschung gut“ Peters