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🔴 Von Fleischtöpfen und Followern
Wenn das Internet schweigt und Gott redet
Sei gesegnet, du Kind Gottes. Du liest das Jesusjournal, den Newsletter, der dich heute einlädt, einen ehrlichen Blick auf deine eigenen 'Fleischtöpfe' zu werfen. Was hältst du so fest, dass es vielleicht längst dich festhält? Lass uns gemeinsam darüber nachdenken.
Geschichte
"Account gesperrt" – diese zwei Worte auf seinem Bildschirm lassen sein Herz rasen. David blinzelt, wischt hektisch über das Display. Aber die rote Warnung bleibt.
Siebzehntausend Follower warten jeden Morgen auf sein "Gottes Daily Bread" – die Bibelvers-Stories, die längst zu seinem eigenen täglichen Brot geworden sind.
Jetzt ist alles weg. Über fünfhundert sorgfältig kuratierte Stories. Unzählige Direktnachrichten. Der Account, den er seit zwei Jahren wie einen Schatz hütet – sein digitales goldenes Kalb - mit einem Schlag zerstört.
Seine Finger fliegen über die Tastatur: E-Mails an den Support, Passwort-Reset-Versuche, verzweifelte Google-Recherchen zu Account-Diebstahl. Nichts hilft.
Verzweifelt geht er zu Bett.
Am nächsten Morgen greift er automatisch nach dem Smartphone – und erstarrt. Zum ersten Mal seit zwei Jahren gibt es keine Likes zu checken, keine Kommentare zu beantworten, keine Stories zu posten. Die Leere in seiner Timeline spiegelt die Leere in seinem Inneren. Er fühlt sich wie die Israeliten nach ihrer Flucht aus Ägypten - orientierungslos, unsicher, mit diesem seltsamen Gefühl zwischen Freiheit und Furcht.
"David, jetzt komm mal runter", sagt seine Mutter beim Abendessen. "Es ist doch nur eine App."
"Nur eine App?" David starrt sie an. "Mum, du verstehst das nicht. Durch meine Stories haben Menschen zum Glauben gefunden. Letzte Woche erst schrieb mir ein Mädchen, dass meine Andachten sie vom Suizid abgehalten haben. Was ist mit diesen Menschen?"
"Die Gemeinde hat zweitausend Jahre ohne Instagram überlebt, David. Vielleicht..." Sie zögert, wählt ihre Worte mit Bedacht. "Vielleicht ist das sogar ein Zeichen von Gott. Du warst in letzter Zeit so... abwesend. Wann haben wir uns das letzte Mal richtig unterhalten?"
David schnaubt. Ein Zeichen von Gott? Der Hack seines Accounts?
"Weißt du", sagt seine Mutter leise, "die Israeliten dachten auch, sie könnten nicht ohne die Fleischtöpfe Ägyptens leben."
"Das ist was völlig anderes", presst er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. "Ich helfe Menschen damit. Ich diene Gott damit!"
“Bist du dir da ganz sicher?”
Am Strand peitscht David kalter Wind ins Gesicht. Still geht Reiner, der Gemeindepastor, neben ihm über den feuchten Sand.
"Drei Tage ohne Account", platzt es aus David heraus, "weißt du, wie das ist? Als würde dir jemand…"
"Die Stimme rauben?", unterbricht Reiner ihn sanft. "Die Israeliten waren auch süchtig nach Sicherheit. Nach den Fleischtöpfen Ägyptens. Nach der Gewissheit, jeden Morgen zu wissen, was der Tag bringt."
"Das ist was völlig anderes. Die waren versklavt. Ich…" Er stockt.
"Wann hast du zuletzt einen Sonnenaufgang gesehen, ohne ihn zu fotografieren? Wann hast du zuletzt gebetet, ohne es zu posten? Wann warst du zuletzt einfach... still vor Gott?"
David tritt von einem Fuß auf den anderen. Der Wind zerrt an seiner Jacke wie die Wahrheit an seinen Ausreden. "Das... das ist normal heutzutage. Jeder macht das so."
“Genau das sagten die Israeliten auch. ‘Alle anderen haben Götzen. Warum nicht wir?’”
Die nächsten Tage fühlen sich für David an wie eine digitale Wüstenwanderung.
Sein Laptop gibt den Geist auf. Sein E-Mail-Account verschickt Spam an alle Kontakte. Seine Cloud crasht und löscht die Foto-Backups des letzten halben Jahres.
Als würde das digitale Ägypten sich für seinen Ausbruchsversuch rächen.
Doch zwischen all den technischen Katastrophen entdeckt er etwas Neues: Stille.
Bei den Jugendtreffen hört er zum ersten Mal wirklich zu. Keine ablenkenden Notifications. Kein mentales Formulieren der nächsten Story. Er ist einfach... da.
Er bemerkt das scheue Lächeln eines Jugendlichen, der ihm zum ersten Mal von seinen Problemen erzählt - nicht per DM, sondern von Angesicht zu Angesicht. Keine Filter, keine perfekt formulierten Antworten, nur echte, manchmal unbeholfene Worte. Und sie bedeuten mehr als tausend Herzchen-Emoji je könnten.
Zwei Wochen vibriert sein Smartphone. Eine E-Mail vom Instagram-Support: "Ihr Account kann wiederhergestellt werden." Alle Follower, alle Stories – sein digitales Ägypten ruft ihn zurück.
Seine Finger schweben über dem Link. Die Fleischtöpfe locken, der Geruch von Sicherheit und Bedeutung steigt ihm in die Nase. Ein Klick, und alles wäre wieder wie früher.
Früher.
Er schließt die Augen, spürt die Sonne auf seinem Gesicht. In den letzten zwei Wochen hat er mehr echte Gespräche geführt als in den zwei Jahren davor.
Was, wenn Gott ihn genau hier haben wollte? Nicht als digitaler Influencer mit tausenden oberflächlichen Verbindungen, sondern als echter Mensch, präsent im Hier und Jetzt? Vielleicht war sein Account nicht das verheißene Land, sondern das Gegenteil?
Die Israeliten brauchten vierzig Jahre, um die Fleischtöpfe Ägyptens zu vergessen. Vierzig Jahre, um zu lernen, dass Freiheit nicht bedeutet, tun zu können, was man will, sondern zu werden, wozu Gott einen geschaffen hat.
Er löscht die E-Mail.
Bis Morgen, wenn das Jesusjournal wieder in deinem Postfach landet. Und hey - vielleicht legst du dein Smartphone nach dem Lesen einfach mal zur Seite und genießt einen Moment der Stille mit Gott.
Hab’ einen gesegneten Tag
Jörg “mit ohne Smartphone“ Peters