🔴 Geschichte: Der innere See

Von Smartphones, Spiegelungen und Seelen

Vielen Dank für die vielen netten Rückmeldungen auf den Newsletter von gestern. Darüber habe ich mich sehr gefreut 😊

Gestern hatte ich ja schon geschrieben, dass es auch Neuerungen und Änderungen gibt. Hier die erste:

Der Newsletter soll nach wie vor von Montag bis Freitag erscheinen. Allerdings wird es nicht immer Geschichten geben, es können auch andere Formate vorkommen. Mal ist er kürzer, mal länger. Lass dich überraschen 😉

Am Samstag erscheint eine Ausgabe, in der es eine Zusammenfassung der Woche gibt.

Mehr demnächst …

Heute:

  • Geschichte: Der innere See

Geschichte

Der innere See

"Kirchengemeinde nach Vandalismus geschlossen"

Michaels Hände zittern so stark, dass der Kaffee überschwappt. Braune Tropfen fallen auf das weiße Tischtuch, ein Spritzer landet auf seiner Bibel. Die Nachricht auf seinem Smartphone verschwimmt vor seinen Augen, während eine Welle heißen Zorns durch seinen Körper brandet.

Hastig beginnt er zu tippen: "Diese gottlosen Chaoten gehören alle..."

Dann hält er inne. War das noch er selbst? Der Michael, der jeden Sonntag in der Gemeinde von Nächstenliebe spricht?

Er dachte an Jesus, der sogar für seine Peiniger gebetet hatte. Was trieb Menschen zu solchen Taten? Welche Verletzungen, welche Verzweiflung steckten dahinter?

∆Erschrocken legt er das Smartphone beiseite. Er konnte nicht einfach hier sitzen bleiben. Nicht mit dieser Wut im Bauch.

"Ich muss raus hier", murmelt er und schnürt seine Wanderschuhe. Weg von den Nachrichten, den Kommentaren, dem brodelnden Zorn in seiner Brust. Hinauf in die Berge, wo der Himmel näher scheint.

Den ganzen Tag ist er unterwegs. Erst als die Abendsonne die Gipfel in goldenes Licht tauchte, erreicht er den Bergsee. Die stundenlange Wanderung hatte ihm gutgetan - mit jedem Schritt war etwas von der morgendlichen Anspannung von ihm gewichen.

Michael atmet die klare Bergluft ein und lässt seinen Blick über den See schweifen. Den ganzen Tag ist er gewandert, hat die Stille der Berge in sich aufgesogen wie ein Schwamm. Der See liegt vor ihm wie ein gewaltiger Spiegel, in dem sich der Himmel in vollkommener Klarheit widerspiegelt. Nicht die kleinste Welle kräuselt die Oberfläche.

Er lässt sich auf einen Baumstamm am Ufer sinken und atmet tief durch.

Dieser Friede... er kennt ihn. So fühlt es sich an, wenn er morgens in der Stille seine Bibel liest.

Aus alter Gewohnheit zieht er sein Smartphone aus der Jackentasche.

Sofort springt ihm die Nachricht entgegen, die ihn am Morgen aus der Fassung gebracht hat. Michael schüttelt den Kopf und steckt das Smartphone weg.

Hier am stillen See kommt ihm diese morgendliche Aufregung seltsam fremd vor. Fast unwirklich, wie ein schlechter Traum. Er beobachtet, wie ein Fischadler über dem Wasser kreist, geduldig wartend. Die Spiegelung des Vogels auf der Wasseroberfläche ist gestochen scharf.

Der See ist wie ein gewaltiger Spiegel. Wie tief mag er sein?

Die Oberfläche verrät nichts von den Geheimnissen der Tiefe. Ist es mit den Nachrichten nicht genauso? Sie zeigen nur die Oberfläche - Menschen, Konflikte, Ereignisse. Aber der wahre Kampf spielt sich in einer anderen Dimension ab.

Plötzlich stürzt der Fischadler herab.

Wie ein Pfeil durchbricht er die Wasseroberfläche. Kreise breiten sich aus, die klare Spiegelung des Himmels verschwimmt, wird unkenntlich und verzerrt.

Sekunden später erhebt sich der Vogel wieder, einen glitzernden Fisch in den Fängen. Mit kräftigen Flügelschlägen verschwindet er in Richtung des Waldes.

"Genau das passiert mit meinem Geist", durchfährt es Michael.

Die Nachrichten sind wie dieser Fischadler, die in mein Bewusstsein drängen und alles in Unruhe bringen. Sie stören meinen inneren Frieden. Stattdessen wühlen sie mich auf und vernebeln meinen Blick zum Himmel.

Ich sehe Feinde, wo Menschen sind. Menschen, die vielleicht selbst innerlich aufgewühlt sind, deren eigener See keine ruhige Oberfläche mehr kennt. Die Vandalen - sind sie nicht auch Suchende? Auf ihre eigene, verstörte Art?

Und durch die aufgewühlte Oberfläche meines eigenen Sees verliere ich den Blick für die Tiefe.

Er wartet, bis sich das Wasser beruhigt hatte. Die Spiegelung wird wieder klar, der Himmel leuchtet aus der Tiefe des Sees.

Michael lächelt.

Dann erhebt er sich und macht sich auf den Rückweg.

Er hatte eine wichtige Entscheidung getroffen - seinen inneren See würde er von nun an besser vor Störungen schützen.

Danke, dass du bis hier gelesen hast.

Hab’ einen gesegneten Tag
Jörg vom JesusJournal