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🔴 Der sechste Bewerber
Ihre Tablets und Smartphones glänzen wie kleine Altäre der Gegenwart
Geschichte
Das christliche Medienzentrum hat den Ruf, Qualität und Professionalität großzuschreiben.
Schon das Wartezimmer strahlt modernen Unternehmergeist aus: Glaswände, ergonomische Designerstühle, ein überdimensionaler Bildschirm, auf dem in zeitgemäßer Typografie ein Bibelzitat durchläuft: "An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen." (Matthäus 7,16).
Die fünf Bewerber passen perfekt in dieses Ambiente. Jeder hat das Zeug, den ausgeschriebenen Posten als Podcast-Redakteur zu bekommen. Eine Journalistin mit Bibelschulabschluss feilt an ihrer PowerPoint über "Authentische Verkündigung". Ein früherer Radiomoderator blättert in seinen Konzepten für "Christliche Medien der Zukunft". Drei Theologen diskutieren leise die aktuelle Podcast-Landschaft.
Sie alle wollen Gottes Botschaft vermitteln. Professionell, modern, relevant. Ihre Tablets und Smartphones glänzen wie kleine Altäre der Gegenwart.
Schuhe quietschen auf Linoleum. Ein älterer Mann in grauem Arbeitsanzug schiebt seinen Putzwagen zwischen den Designerstühlen hindurch.
Die Glastür öffnet sich. Ein junger Mann in Jeans tritt ein, eine abgewetzte Ledertasche unter dem Arm. Seine Turnschuhe hinterlassen Spuren auf dem frisch gewischten Boden. Der Putzwagen kommt quietschend zum Stehen.
"Tut mir leid", sagt der Neue und greift nach dem Wischmopp. "Lassen Sie mich das schnell saubermachen."
Im Wartezimmer rascheln Papiere. Jemand räuspert sich. Der große Bildschirm zeigt ein neues Bibelzitat: “Wer im Geringsten treu ist, der ist auch im Großen treu.” (Lukas 16,10)
"Ach was," brummt der Mann im Arbeitsanzug, "wird eh gleich wieder schmutzig."
Der Neue wischt trotzdem weiter.
Eine Tür öffnet sich. "Die nächsten beiden Bewerber, bitte", sagt eine Stimme. Die Journalistin schließt ihre PowerPoint, der Radiomoderator richtet seine Krawatte. Sie verschwinden im Konferenzraum.
Der Neue hat sich inzwischen einen der Designerstühle gesucht. Er sitzt da, die abgewetzte Ledertasche auf den Knien, und beobachtet den Mann im Arbeitsanzug bei der Arbeit.
Nach einer Viertelstunde kommt Bewegung ins Wartezimmer. Die Journalistin und der Radiomoderator kehren zurück, ihre Gesichter undurchdringlich. Schweigend setzen sie sich wieder auf ihre Plätze.
Eine ältere Reinigungskraft schiebt ihren Wagen durch die Tür. Irritiert streift ihr Blick den Hausmeister, dann beginnt sie, die Mülleimer zu leeren. Ihre Hände zittern leicht.
Die Journalistin rückt ungeduldig mit ihrem Stuhl zur Seite. Ein Theologe verdreht die Augen. Gelangweilt beobachtet er, wie die Reinigungskraft an einen Stuhl stößt und dabei ein Foto aus ihrer Tasche fällt. Ein kleines Mädchen auf einer Schaukel.
Der Neue hebt das Foto auf. "Ihre Enkelin?"
Die alte Frau nickt, ihre müden Augen leuchten warm. "Sarah. Fünf Jahre." Sie zögert, ihre Finger streichen über das Foto. "Hatte gestern ihren ersten Schultag. Konnte nicht dabei sein... die Miete, verstehen Sie?"
Sie sprechen leise. Der Neue hört einfach zu und nickt ab und zu, als sich die Tür zum Konferenzraum erneut öffnet.
Die drei Theologen sind als nächstes dran.
Der Bildschirm wechselt den Vers: "Der Mensch sieht, was vor Augen ist." (1. Samuel 16,7)
"Junger Mann?" Der graue Arbeitsanzug steht vor ihm. "Würden Sie kurz auf meinen Wagen aufpassen? Muss mal telefonieren."
Der Neue nickt nur.
Zehn Minuten vergehen. Zwanzig. Die Theologen sind noch nicht zurück.
Eine Frau vom Empfang kommt herein, einen Stapel Papiere unter dem Arm. Sie blickt sich suchend um. "Entschuldigung, hat jemand Herrn Weber gesehen? Den Hausmeister?"
Der Neue schüttelt den Kopf. "Er wollte telefonieren."
"Seltsam." Sie runzelt die Stirn. "Der Personalchef wartet schon seit einer Stunde. Keiner weiß, wo er ist."
Erneut wechselt der Bibelvers: "Wer Ohren hat zu hören, der höre!" (Markus 4,23)
Die Tür zum Konferenzraum öffnet sich. Die drei Theologen kommen heraus, dicht gefolgt von einer jungen Frau im Business-Outfit: “Bitte warten Sie noch kurz. Herr Schneider, unser Personalchef, kommt gleich zu Ihnen.” Sie schaut den Neuen an: “Mögen Sie kurz mit mir kommen?”
Die Minuten vergehen. Es ist still, keiner spricht ein Wort. Die ältere Reinigungskraft ist gegangen, der Wagen des Hausmeisters steht noch mitten im Raum.
Erneut öffnet sich die Tür zum Konferenzraum. Heraus kommt der Hausmeister im grauen Arbeitsanzug. Merkwürdig, ohne den Putzwagen sieht er irgendwie anders aus.
"Danke fürs Warten", sagt er und lächelt, während er den grauen Arbeitsanzug aufknöpft und darunter ein weißes Hemd zum Vorschein kommt. "Mein Name ist Schneider und ich bin der Personalchef." Er zeigt auf die junge Frau im Business-Kostüm neben sich: “Unsere Frau Müller kennen Sie ja schon, mit ihr hatten Sie das mündliche Vorstellungsgespräch.” Die Journalistin runzelt die Augenbrauen.
"Sie haben heute überzeugend dargelegt, wie man Gottes Botschaft vermittelt. Jeder von Ihnen wäre für die Stelle geeignet und wir danken Ihnen für Ihr Interesse."
Der Bildschirm ein letztes Mal das Bibelzitat: “Seid aber Täter des Worts und nicht Hörer allein.” (Jakobus 1,22)
“Entschieden haben wir uns für Herrn Georg”, er macht eine Bewegung in Richtung des Neuen, “weil er glaubhaft gezeigt hat, dass er Gottes Botschaft nicht nur vermitteln, sondern auch leben kann.”
Der Putzwagen steht wie ein stummer Zeuge im Raum - vielleicht ein Erinnern daran, dass die wichtigsten Predigten ohne Worte gehalten werden.
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Hab’ einen gesegneten Tag
Jörg “kennst du schon den JesusJournal-Podcast?“ Peters